Prozessfinanzierung – insb. bei Forderungen im Ausland

Kosten und Risiken bei grenzüberschreitenden Prozessen

Angesichts der engen internationalen wirtschaftlichen Verflechtungen müssen Unternehmen häufig rechtliche Schritte im Ausland unternehmen, um ihre Forderungen durchzusetzen. Schon bei rein inländischen Gerichtsverfahren kann dies kostspielig und mit erheblichen Risiken verbunden sein. Muss über die Grenze hinweg prozessiert werden, sind die Kosten und Risiken noch erheblich grösser:

  • am ausländischen Gerichtsstand müssen Korrespondenzanwälte betraut werden, die zusätzlich zu den Hausanwälten Kosten verursachen.
  • die Prozessordnungen sehen in der Regel vor, dass eine ausländische klagende Partei Sicherheit zu leisten hat sowohl für die Gerichtskosten als auch für die Anwaltskosten der beklagten Partei. Damit müssen bereits bei der Einleitung von gerichtlichen Verfahren sehr erhebliche Mittel bereit gestellt werden, die bei längeren Verfahren ev. jahrelang ohne Zinsen blockiert sind und auch nur bei einem Obsiegen im Prozess zurückerstattet werden;
  • Gerichtsverfahren im Ausland sind generell komplexer, zeitintensiver und teurer: Zeugen müssen aus dem Ausland anreisen, Augenscheine vor Ort sind nicht möglich, Beweise und Urkunden aus dem einen Land sind in Form und Inhalt oft nach dem anwendbaren Recht des anderen Landes nicht genügend etc.
  • Auch wenn sich der Gläubiger einen Forderungstitel erstritten hat, ist die effektive Befriedigung der Forderung noch nicht gesichert. Vielfach sieht er sich mit der Situation konfrontiert, dass der Schuldner sein Vermögen ins Ausland geschafft, versteckt oder auf Dritte übertragen hat. Dann beginnt die langwierige und schwierige internationale Vermögensrecherche. In diesem Fall riskiert der Gläubiger nicht nur den Totalausfall der Forderung selbst, er kann vom Schuldner auch keinen Ersatz für seine Anwaltskosten erhältlich machen.

Erfahrungsgemäss werden viele begründete Forderungen aus diesen Gründen nicht vollstreckt und einfach abgeschrieben. Das ist – auch wenn es wirtschaftlich verkraftbar ist – sehr unbefriedigend!

Schon im rein inländischen Prozess greifen Forderungsinhaber immer öfter auf Prozessfinanzierer zurück, um die Kosten und Risiken von gerichtlichen Verfahren zu decken. Umso mehr sind sie bei grenzüberschreitenden Streitigkeiten auf solche Angebote angewiesen. Das Geschäftsmodell der Prozessfinanzierer geht aber nur auf, wenn sie sich auf die „sicheren“ Fälle konzentrieren, bzw. sich die Rosinen aus dem Kuchen herauspicken. Die „Rosinen“ sind Fälle mit geringen Prozessrisiken, geringen Prozesskosten, sicherer Bonität des Schuldners und hohem Streitwert (die grösseren Prozessfinanzieren sehen Untergrenzen von € 200‘000 bis € 500‘000 vor). Forderungen, die einem dieser Kriterien nicht entsprechen und entsprechend nicht finanziert werden, sind aber zahlreich.

Welche Alternativen hat ein Forderungsinhaber, der seine Forderung im Ausland vollstrecken will? Der Einfachheit halber wird im Folgenden das Beispiel eines deutschen Gläubigers genommen, der eine Forderung gegen einen schweizerischen Schuldner vollstrecken will.

Vergleiche ?

Die Erfahrung zeigt, dass säumige Schuldner im Ausland sehr oft mit den Schwierigkeiten und Kosten der Durchsetzung der Forderung gegen sie spielen und so den Gläubiger zu einem unvorteilhaften Vergleich drängen wollen. Es handelt sich um eine Methode, zu einem nachträglichen „Rabatt“ zu gelangen. Es empfiehlt sich jedoch in den meisten Fällen, sich nicht mit solchen Methoden erpressen zu lassen, da sonst die Zahlungsmoral aller Schuldner leiden könnte.

Prozesskostenmanagement

Der klagende Gläubiger hat nur sehr wenige Möglichkeiten, in einem gegebenen Verfahren auf die Prozesskosten Einfluss zu nehmen. Die Kosten des Gerichts und die Kosten des Gegenanwalts sind durch Tarife vorgegeben. Mit dem eigenen Anwalt können immerhin verschiedene Varianten des Honorars vereinbart werden (nach Streitwert, Stundenhonorar nach effektivem Aufwand, Kombination eines fixen Honorars mit einem Honoraranteil), sofern dieser dazu Hand bietet.

Wesentlich wichtiger ist es, das für die effiziente Durchsetzung der Forderung günstigste rechtliche Mittel zu verwenden. In jedem Fall muss die Vorgehensweise gewählt werden, die die grösste „Hebelwirkung“ erzielt. Aussergerichtliche Verfahren (Mediation) können erfolgreich sein und sind dann eine kostengünstige Lösung. Sie ist aber nur dann wirksam, wenn der Schuldner mitwirkt und sich an die getroffenen Vereinbarungen hält.

Müssen rechtliche Schritte vor einem staatlichen Gremium im Ausland eingeleitet werden, gibt es erstaunlich oft Mittel, die mit einem geringen Mitteleinsatz eine grosse Hebelwirkung auf den säumigen Schuldner ausüben können. Nur als Beispiele genannt seien:

  • die Möglichkeit der Beschränkung der Verfügungsgewalt des Schuldners über sein Vermögen (Verarrestierung von Konten durch die Schuldbetreibungs- und Konkursbehörden, vorsorgliche Massnahmen des Zivilgerichts).
  • wo der Hintergrund der Forderung deliktische Handlungen des Schuldners sind, kann ein Strafverfahren eingeleitet werden und die Zivilforderung von den Strafbehörden beurteilt werden. Die Einleitung einer begründeten Strafklage kann überdies ein wirksames Mittel sein, um den Schuldner zur Begleichung seiner Schulden zu bewegen. Im Strafverfahren kooperieren die Behörden auch über die Grenzen hinweg. Allerdings sind die Strafverfahren sehr langwierig, schwerfällig und können vom Gläubiger nur bedingt kontrolliert werden.
  • liegt ein Konkurs des Schuldners vor, können ausländische Vermögensteile zur Konkursmasse gezogen werden – z.B. kann ein deutsches Konkursverfahren auf die Schweiz ausgedehnt werden (sog. „Minikonkurs“). Die Konkursbehörden haben weitgehende Kompetenzen, um Vermögensbestandteile des Schuldners zu identifizieren und zu verwerten.
  • geht es um die Ansprüche von Erben oder von Ehegatten in der Scheidung, können die schweizerischen Behörden zur Sicherung eines ausländischen Erbanspruchs in der Schweiz gelegene Vermögensbestandteile des Erblassers sichern, z.B. Konten blockieren. Ebenso gibt das Eheschutzverfahren dem Gläubiger wirksame Sicherungsrechte auf das Vermögen des anderen Ehegatten.

Klassische Rechtsschutzversicherung?

Der Traum jedes Gläubigers ist natürlich, die Durchsetzung seiner Forderungen durch eine Rechtsschutzversicherung finanziert zu bekommen. Tatsächlich bieten auch die meisten Versicherer eine Firmenrechtsschutzversicherung für Selbstständige, freie Berufe und Unternehmer an. Im Streitfall deckt die Rechtsschutzversicherung gewöhnlich die Prozess-, Anwalts- und sonstigen Kosten ab. Bei Erfolg verlangt sie keine Beteiligung. Eine solche Versicherung ist für einen Betrag ab € 300 erhältlich, wobei die Beitragshöhe stark von der jeweiligen Branche, Umfang des Geschäftsbetriebs, der Selbstbeteiligung, Laufzeit und Zusatzleistungen (wie zum Beispiel Inkassodiensten) abhängt.

Der Haken ist aber: Nur die wenigsten Rechtsschutzversicherungen haben den wichtigen vertraglichen Rechtsschutz im Angebot. Die Durchsetzung vertraglicher Forderungen auf dem Prozesswege wird somit nicht übernommen. Ist das Inkasso von vertraglich begründeten Forderungen ein wesentliches Problem für einen Gläubiger, sollte er vor dem Abschluss einer Rechtsschutzversicherung genau abklären, welche Leistungen diese bei deren Durchsetzung bieten und welche Voraussetzungen dazu erfüllt sein müssen. Häufig gehen diese Leistungen nicht über die Inkassohilfe, wie sie ein Inkassobüro anbietet, hinaus.

Verwertung durch spezialisierte Firmen

Zur Durchsetzung von Forderungen im Ausland wird oft auf die Dienste von Inkassofirmen zurückgegriffen. Diese gehen aber normalerweise nur soweit, dass sie gegen die Schuldner die Betreibung einleiten. Lässt sich der Schuldner durch die Betreibung nicht beeindrucken, muss die Klage vom Gläubiger selbst eingeklagt werden.

Neuerdings haben sich aber auch Dienstleister etabliert, die Forderungen vom Gläubiger zur Verwertung übernehmen. Deren Modell lässt sich wie folgt umschreiben: Der Gläubiger tritt seine Forderung vollständig an den Dienstleister ab. Er erhält dafür einen Besserungsschein, mithin eine Beteiligung am Erlös aus der Durchsetzung der Forderung. Der Dienstleister unternimmt es dann, die zur Durchsetzung der Forderung notwendigen Schritte (Klage, Betreibung, Pfändung bzw. Konkursandrohung) zu unternehmen und trägt alle damit in Zusammenhang stehenden Kosten und Risiken, insb. auch das Bonitätsrisiko des Schuldners. Der Dienstleister hat ein vitales eigenes Interesse daran, die Forderung optimal durchzusetzen, da sein Profit davon abhängt. Häufig kann er die Forderung erst dann effektiv befriedigen, nachdem er versteckte Vermögensbestandteile durch eine gezielte Vermögensrecherche lokalisiert und durch Arrest gesichert hat.

Der Vorteil für den Gläubiger ist, dass alle Leistungen aus einer Hand erfolgen und er keine Kostenrisiken trägt. Klarer Nachteil ist, dass er seine Forderung aus den Händen geben muss und am gesamten Nettoerlös nur mit einem variablen Anteil, im Maximum von 50%, partizipiert. Mit dem anderen Anteil wird der Dienstleister für die Kosten und die Übernahme aller Risiken kompensiert. Dieses Modell setzt also voraus, dass der Forderungsinhaber bereit ist, zum Vornherein auf einen wesentlichen Teil seiner Forderung zu verzichten. Es kommt somit nicht in Frage für diejenigen Forderungsinhaber, die in der Lage und bereit sind, die Forderung selbst und auf eigene Kosten durchzusetzen und auch das Risiko des Ausfalls. Auch solche Gläubiger, die eine Zusage von einem Prozessfinanzierer erhalten, sind mit dieser Lösung meist günstiger bedient.

Für eine grosse Zahl Gläubiger kommt jedoch dieses Modell in Betracht und sollte ernsthaft geprüft werden. Auch wenn auf einen wesentlichen Teil der Forderung verzichtet werden muss, so sprechen doch folgende Argumente dafür, eine solche Lösung in Betracht zu ziehen:

  • „besser als gar nichts“: Die einzige Alternative ist es oft, auf die Durchsetzung der Forderung vollständig zu verzichten. Im Vergleich dazu ist bereits eine Lösung, die höchstens 50% der Forderung einbringt günstig. Ist die Forderung bereits abgeschrieben, lohnt sich die Abtretung allemal.
  • in Unternehmen gehört es zur Sorgfaltspflicht der Leitungsorgane, ausstehende Forderungen optimal durchzusetzen. Unternehmen sie nicht alle möglichen Schritte, wozu auch die Abtretung zur Verwertung gehört, könnte gegen sie der Vorwurf der unsorgfältigen Geschäftsführung erhoben werden.
  • Schutz der Reputation: Unternehmen, die ihre Forderungen nicht durchsetzen, werden erpressbar – andere Schuldner werden versuchen, nachträglich „Rabatte“ auszuhandeln.
  • In vielen Fällen liegt die wichtigste Leistung des Dienstleisters nicht darin, rechtliche Schritte zu unternehmen, sondern Vermögen des Schuldners im In- und Ausland aufzuspüren. Dieses besondere Know-how können Inkassofirmen, Rechtsschutzversicherungen, Prozessfinanzierer etc. oft nicht bieten. Somit ist die Abtretung zur Verwertung die einzige gangbare Möglichkeit zur Durchsetzung der Forderung.

SWOT Analyse:

  • die Durchsetzung von Forderung im Ausland ist und bleibt ein ernsthaftes Problem – wenn immer möglich sollten Forderungen vorgängig abgesichert werden
  • muss eine Forderung im Ausland durchgesetzt werden, sollten nebst dem klassischen Vorgehen (Prozess im einen Land, Vollstreckung im anderen Land) alle Alternativen geprüft werden.

Haftung für Sicherheitsmängel im Unternehmen

Wo gehobelt wird, fallen Späne. So trägt der Betrieb eines Unternehmens nicht nur Früchte, sondern er ist auch mit vielfältigen Gefahren verbunden. Als Nutzniesser des Ertrags einerseits, ist der Unternehmer andererseits gesetzlich verpflichtet, die Risiken seiner Geschäftstätigkeit für Mensch und Umwelt zu begrenzen und in seinem Wirkkreis für angemessene Sicherheit zu sorgen. Versäumt der Unternehmer seine Pflicht, können sich für ihn weitreichende Haftungsfolgen ergeben.

 Sicherheit als oberstes Gebot?

Im Jahr 2008 registrierten die 37 Schweizer Unfallversicherer insgesamt rund 268‘000 Berufsunfälle. Grund muss nicht immer eine liegengelassene Bananenschale sein. Sei es, weil keine genügenden Sicherheitsmassnahmen getroffen, diese nicht eingehalten wurden, oder einfach, weil der Teufel es wollte. Die Ursachen für Unglücksfälle sind vielerlei. Die totale Sicherheit als Zustand der Abwesenheit von Gefahren unter völligem Ausschluss von Risiken gibt es nicht. Auch Sicherheit im Unternehmen ist immer relativ und geht unter Umständen zu Lasten der wirtschaftlichen Freiheit oder der Produktivität. Im Vordergrund steht jedoch vor allem der Schutz von Leben und Gesundheit von Menschen und der Natur. Die elektronische Vernetzung des Geschäftsverkehrs hat uns in den letzten Jahren mit der Informatiksicherheit einen zusätzlichen Aspekt beschert. Neben gesundem Menschenverstand sind es auch rechtliche Bestimmungen, welche mit stets zunehmender Detailgenauigkeit das Mass bei der Verhinderung von Sicherheitsmängeln setzten. Doch wie hoch die unternehmerischen Bemühungen und die gesetzlichen Anforderungen und auch sein mögen, mit Schadensfällen ist leider immer zu rechnen.

Sicherheit nach Vorschrift

Der Vielzahl von Unfallszenarien steht eine nicht minder haarsträubende Anzahl von Sicherheitsvorschriften gegenüber. Gesetzliche Vorgaben untermauern die Verantwortung der Unternehmer gegenüber ihren Mitarbeitenden, Drittpersonen und der Umwelt. Verbindliche Grundlagen für den Schutz von Angestellten finden sich bei den Bestimmungen zum Arbeitsvertrag im Obligationenrecht (OR), im Arbeitsgesetz (ArG) sowie in der Verordnung über die Verhütung von Unfällen und Berufskrankheiten (VUV). Konkretisiert werden die gesetzlichen Pflichten durch Unfallverhütungsvorschriften der SUVA, welche vom Bundesgericht regelmässig als massgebend herangezogen werden. Diese Richtlinien bezwecken vor allem den Schutz von Arbeitnehmern. Erhebliche Gefahren im Zusammenhang mit Sicherheitsmängeln ergeben sich jedoch auch für Drittpersonen und die Umwelt.

Risiken sind allgemein stark abhängig von Branche und Tätigkeit eines Unternehmens. So unterscheiden sich etwa die Gefahren im Gesundheits- oder Transportwesen, in der Bau- oder Chemiebranche stark. Entsprechend unüberschaubar zerstreut sind Sicherheitsvorschriften. In aller Regel finden sich Ansatzpunkte in den jeweiligen Spezialgesetzen, welche durch Verordnungen und Richtlinien konkretisiert werden. Wichtig ist, dass nicht nur hoheitlich verordnete Sicherheitsregeln sondern auch anerkannte Standesregeln der Berufsverbände von den Gerichten regelmässig als massgebend beurteilt werden.

Die für ein Unternehmen im konkreten Fall anwendbaren Sicherheitsvorschriften müssen im Rahmen einer Risikoanalyse unbedingt evaluiert werden. Bei der Umsetzung von Sicherheitsregeln im Betrieb sind in erster Priorität wenn immer möglich technische Massnahmen zu treffen.

Doch Schutzeinrichtungen anzubringen reicht in aller Regel nicht aus. Häufig sind Unfälle auf mangelnden Unterhalt von Material oder fahrlässiges Verhalten von Mitarbeitenden zurückzuführen. Solche Restrisiken müssen durch organisatorische und verhaltensbezogene Massnahmen minimiert werden. Ein Unternehmer ist gesetzlich dazu verpflichtet, die Mitarbeitenden über Gefahren zu informieren, über Sicherheitsmassnahmen anzuleiten und dafür zu sorgen, dass diese auch eingehalten werden (Art. 6 VUV). Ein Arbeitgeber, der es unterlässt, vom Arbeitnehmer den Gebrauch der gesetzlich vorgeschriebenen Sicherheitsvorrichtungen zu verlangen, wird unter Umständen dafür haftbar (BGE 102 II 18). Hilfestellung bei der Einführung und Durchsetzung von Sicherheitsrichtlinien können Checklisten und Merkblätter bieten, welche bei der Suva frei erhältlich sind.

Mögliche Konsequenzen von Sicherheitsmängel – Wer ist wie für was verantwortlich?

Sicherheitsmängel können ihre Konsequenzen für ein Unternehmen wie auch für die verantwortlichen Personen persönlich in zivil-, straf- und verwaltungsrechtlicher Hinsicht entfalten.

Da es im zivilrechtlichen Bereich ausschliesslich um Geldforderungen geht, fragt sich, wer für durch Sicherheitsmängel verursachte Schäden aufkommen muss. Meist sind mehrere Haftungsgrundlagen anwendbar und es können mehrere Personen ins Recht gefasst werden. Möglicherweise sind verschiedene Vorgesetzte für ihre Versäumnisse betreffend Schutz der Mitarbeiter verantwortlich und die Gesellschaft kann in ihrer Funktion als Arbeitgeberin sowieso belangt werden. Haben Mitarbeiter aufgrund von Sicherheitsmängeln in Verrichtung ihrer dienstlichen Tätigkeit einem Dritten Schaden zugefügt, werden sie unter Umständen selber haftbar und der Unternehmer haftet in seiner Funktion als Geschäftsherr ebenso. Ein Geschädigter darf sich seinen Schaden zwar nicht mehrfach entgelten lassen, er hat aber oft die Wahl, gegen wen er vorgehen will. In erster Linie wird er diejenige Person wählen, bei welcher er das grösste Haftungssubstrat vermutet, was in aller Regel die Gesellschaft sein dürfte. Bei Personengesellschaften sind alle Gesellschafter solidarisch haftbar und der Betreiber einer Einzelfirma steht mit seinem vollen Privatvermögen ein.

Strafrechtliche Konsequenzen haben Sicherheitsmängel für Personen, welche durch eine Handlung oder durch eine Unterlassung einen strafrechtlichen Tatbestand verwirklichen. Strafrechtliche Ermittlungen werden in der Regel bei ernsten Personenschäden eingeleitet, in jedem Fall jedoch bei Todesfällen. Zur Verantwortung gezogen werden können keinesfalls nur an einem Unglücksfall direkt Beteiligte, sondern regelmässig auch deren Vorgesetzte bis in die obersten Stufen. Seit 2003 können auch Unternehmen mit bis zu 5 Mio. CHF bestraft werden. Dies jedoch nur dann, wenn eine Straftat aufgrund mangelhafter Organisation des Unternehmens keiner bestimmten Person zugeordnet werden kann, was in der Praxis eher selten ist.

Regelmässig unterschätzt wird der Einfluss verwaltungsrechtlicher Massnahmen. Die Suva bspw. ist vom Bund mit weitreichenden Kompetenzen zur Verhütung von Berufsunfällen ausgestattet. Betriebsbesuche können mit oder ohne vorherige Anmeldung vorgenommen werden. Bei festgestellten Mängeln werden vorerst Mahnungen ausgesprochen und bei deren Nichtbefolgung die Vollstreckung von Massnahmen verfügt.

Bestehende Sicherheitsmängel können überdies Prämienerhöhungen bei der Unfallversicherung zur Folge haben. Daneben existieren weitere Behörden, welche in ihren Fachgebieten für die Einhaltung von Sicherheitsvorschriften zuständig und zu deren Durchsetzung mit ähnlichen Kompetenzen ausgestattet sind. Durch verwaltungsrechtliche Massnahmen bewirkte Betriebsunterbrüche und Kosten treffen Unternehmen unter Umständen empfindlich. 

Zivilrechtliche Haftung im Besonderen:

Sicherheitsbestimmungen bilden an sich noch keine direkte Haftungsgrundlage. Deren Missachtung ist jedoch allenfalls als Widerrechtlichkeit zu qualifizieren, welche eine von vier Voraussetzungen für die zahlreichen zivilrechtlichen Haftpflichtansprüche begründet. Unterscheiden lässt sich zwischen vertraglichen und ausservertraglichen Ansprüchen.

Als Anspruchsgrundlage im Zusammenhang mit Sicherheitsmängeln kann jeder mit dem Unternehmer geschlossene Vertrag bilden, sei es bspw. ein Kaufvertrag, Werkvertrag, Auftrag oder ein Arbeitsvertrag. Bei Verträgen mit Kunden und Geschäftspartnern werden durch Sicherheitsmängel verursachte Schäden meist als Verletzung vertraglicher Nebenpflichten qualifiziert. Beim Arbeitsvertrag steht eine Verletzung der Fürsorgepflicht des Arbeitgebers im Mittelpunkt.

Drittpersonen, welche nicht in einer vertraglichen Beziehung zum Unternehmen stehen, können ihre Forderungen im Schadensfall auf ausservertragliche Anspruchsgrundlagen abstellen. In dieser Kategorie finden sich neben der allgemeinen Verschuldenshaftung von Art. 41 OR im Obligationenrecht vor allem die Geschäftsherrenhaftung (Art. 55 OR) und die Werkeigentümerhaftung (Art. 58 OR), welche den Unternehmer in hohem Masse betreffen. Bei letzteren beiden handelt es sich um sogenannte Kausalhaftungen. Hier reicht bereits eine gewisse Eigenschaft des Unternehmers – nämlich seine Stellung als Geschäftsherr bzw. als Gebäudeeigentümer – aus, um eine Verantwortlichkeit zu begründen. Eine typische Kausalhaftung ist auch die Produkthaftplicht, welche lediglich voraussetzt, dass der Unternehmer Hersteller oder Importeur eines fehlerhaften Produktes ist. Wer für einen Schaden haftet, muss also nicht „schuld“ sein, was naheliegenden Vermutungen und der landläufigen Meinung widerspricht und wohl schon zu manch bösem Erwachen eines Unternehmers geführt hat.

Jeglicher Schaden reduziert sich in Haftpflichtrecht auf einen Geldbetrag. Neben Personen-, Sach- und reinen Vermögensschäden wird allenfalls sogar seelisches Leid, wenn auch in unserem Rechtssystem vergleichsweise zurückhaltend und spärlich, in Form einer Genugtuung mit Geld aufgewogen. Eine andere Form des Ausgleichs existiert – mit Ausnahme einer strafrechtlichen „Sühne“ – praktisch nicht.

Sicherheit ist Chefsache

Dass Sicherheitsbelange im Unternehmen Chefsache sind, zeigen exemplarisch die Strafverfahren gegen die zwei prominenten obersten Führungskräfte der ehemaligen Fluggesellschaft Crossair. Auch wenn sie schlussendlich freigesprochen wurden, hätten sie wohl lieber auf diese Erfahrung verzichtet. Wie gesehen hat der Unternehmer überdies für Schadensfälle in seinem Betrieb oftmals auch dann finanziell aufzukommen, wenn ihn persönlich kein direktes Verschulden trifft. Ein vernünftiger Ansatz zur Vermeidung von Risiken im Zusammenhang mit Sicherheitsmängeln kann deshalb nur darin bestehen, diese aktiv zu bekämpfen. Eine Ansiedelung der Problematik auf Führungsebene drängt sich auch aus organisatorischen Überlegungen auf. Massnahmen zur Förderung der Sicherheit sind nur dann effektiv, wenn sie sorgfältig in alle Betriebsabläufe und die Unternehmenskultur eingebettet werden. Sicherheitsbelange bekommen damit eine strategische Dimension. Die erfolgreiche Umsetzung setzt ein klares Bekenntnis der Geschäftsleitung voraus, welches in angemessener Form kommuniziert und vorgelebt werden muss. Für grössere Unternehmen lohnt sich der Einsatz eines dedizierten Sicherheitsberaters oder die Erlangung eines Sicherheitszertifikats. Eine weitergehende finanzielle Risikoverminderung lässt sich durch den Abschluss überobligatorischer Versicherungen erzielen. Notwendigkeit und Umfang eines solchen Schutzes sind stark abhängig von der Branche und Tätigkeit des Unternehmens. Wer vom Unglück verschont werden will, benötigt neben grossem Engagement bei der Bekämpfung von Sicherheitsmängeln jedoch naturgemäss immer auch ein Stück Glück.